Tja, wie es so in Beziehungen ist, man kloppt sich, man verträgt sich auch wieder. Nach dem sie heute süss duftend vor mir stand und auch nicht mehr so borstig daher kam, habe ich ihr eine neue Chance in meinem Leben gegeben. Ich glaube, die Up and Downs gehören wahrscheinlich dazu und so ein Gewöhnungsprozess ist nicht mal eben nach zwei oder drei Wochen abgeschlossen. Ich habe ja auch schließlich 36 Jahre gebraucht, um endlich zu akzeptieren, dass ich an meinem Haarstatus nichts mehr verändern kann, sondern das es höchstens noch schlimmer wird. Klar, da kämpft immer noch die Psyche mit, die sagt, verdammt noch mal, warum gerade ich usw. Die Selbstmitleidslitanei ist Euch allen bestimmt bestens bekannt. Diesen KeineHaareMehrBlues kriegt man nicht so einfach abgestellt, besonders wenn es um einen herum von Menschen mit wunderschönen Haaren nur so schwirrt und man selber läuft mit so einem "Helm" auf dem Kopf herum.
Aber weg mit dem miesen Ding von gestern, sondern weiter nach vorne sehen. Ich hatte nämlich meiner Meinung nach mal wieder - vielleicht ein eingebildetes, aber sehr positives Erlebnis - ausgerechnet auf einem Recyclinghof. Wir haben nämlich heute die letzten Reste entsorgt und wollten wieder los fahren, leider sprang der Wagen aber nicht mehr an. Tja, echt Scheisse gelaufen, weil wir ja auch die neuen Sachen heute abholen wollten. Mein Sohn und ich standen aber nicht lange alleine hilflos herum, sondern bekamen Hilfe von drei Menschen, die sich alle nach Kräften bemüht haben, uns zu helfen. Es war einfach nur toll, vom Handyleihen, um anrufen zu können bis zum Herausschieben aus dem Recyclinghof, da die Männer dort Feierabend machen wollten. Die Karre sprang an und ging wieder aus, fuhr noch ein Stück, ging wieder aus und die zwei jungen Männer hatten extra noch gewartet, ob es denn wirklich funzt. Dann konnte ich wieder auf deren Handy die Negativmeldung weitergeben und sie haben sogar mit uns noch eine Viertelstunde an einer extrem befahrenen Strasse gewartet, bis wir ihnen gesagt haben, dass es bestimmt noch ein bisschen dauern wird, bis meine Freundin mit ihrem Freund da sein wird. Sie haben echt noch mal gesagt, ob wir sicher sind, dass wir kein Handy mehr brauchen. Mensch, die waren gerade mal knapp über 20 Jahre alt, aber so was von nett, es hat wirklich mein Herz berührt.
Was hat dies nun mit meiner Perücke zu tun, mag sich manch einer fragen.
Ich habe dazu eine Gegengeschichte von vor meiner Perückenzeit. Da war ich mit meinem Fahrrad zum Einkaufen unterwegs und während ich einkaufen war, ist mein Fahrrad umgekippt, ob mit Absicht oder einfach so, kann ich im Nachhinein nicht beurteilen. Auf jeden Fall lag es auf dem Boden und ich habe es aufgehoben und meine Einkaufstasche hinten in den Gepäckkorb gehievt und gleichzeitig hatte ich noch einen vollen Rucksack auf dem Rücken. So habe ich mich aufs Fahrrad geschwungen und wollte losradeln, aber durch das Umfallen hatte sich irgendetwas gelöst und ich habe ins Leere getreten, aber natürlich in der vollen Erwartung loszufahren. So bin ich einfach umgekippt und habe mir dabei den linken Teil des Lenkers sehr unschön in den oberen Brustbereich gehauen, so dass ich keine Luft mehr bekam. Meine Einkäufe aus dem Fahrradkorb hatten sich über den Platz verteilt und das Gewicht des Rucksackes hinderte mich mit der Luftnot daran wieder aufstehen zu können. So lag ich da röchelnd am Boden und irgendwann erbarmte sich ein junger Mann, mich wenigstens hochzuziehen mit den Worten: "Na, kommen Sie, da muss ich Ihnen ja wohl mal helfen" Danach war er direkt weg und ungefähr zehn Leute haben regungslos zugesehen, wie ich versuchte, wieder Luft zu bekommen und meine Einkäufe vom Boden klaubte. Keiner hat sich für mich gebückt und ich habe mein Fahrrad von dem Platz weggeschoben, um dann wirklich bitterlich zu weinen. Ich habe nach einer Weile mein Fahrrad noch mal ganz vorsichtig getestet und bin heulend nach Hause gefahren. Es ging nicht weg, ich konnte mich einfach nicht wieder beruhigen, ich habe mich in dem Moment wie der letzte Dreck gefühlt. Ich hatte danach einen extremen Bluterguß an der Stelle, wo mir der Lenker hineingestossen ist, aber der Schmerz war nicht so schlimm, wie dieses Gefühl "Die hässliche Alte hat es nicht besser verdient":
Ich will das alles nicht überbewerten, aber ich glaube schon, dass Menschen auf eine gewisse Ästhetik mehr reagieren als auf etwas für sie Unästhetisches. Vielleicht hatte ich an dem Tag einfach nur Pech und heute nur Glück, aber ich mache auch ein bisschen an der Ausstrahlung fest. Nachdem wir nämlich heute wieder nach ewiger Zeit wieder zu Hause waren und ich meine Perücke wieder abgezogen hatte, hat mich mein Sohn allen Ernstes gefragt, ob ich ihn gerade böse angucke oder ob ich einfach erschöpft bin. Ich konnte nur noch sagen: Zweiteres. Aber es sagt für mich schon viel aus und positive Erlebnisse helfen natürlich dabei auch ungemein.
50 Jahre, 2 erwachsene Kinder, Vegetarierin,
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