Haarausfall durch Umweltschadstoffe - Abgrenzung umweltbedingter Haarausfall

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3. Eine kritische Bewertung "umweltbedingten" Haarausfalls

Bevor ein kausaler Zusammenhang zwischen Haarausfall und der Wirkung kleiner Dosen einer bestimmten Substanz hergestellt wird, sollte unserer Meinung nach ein Haarneuwachstum nach Unterbrechung der Exposition und ein erneuter Haarausfall bei Reexposition beobachtet werden. Ein schwieriges Problem in der Umweltmedizin stellt die Frage nach Haarausfall bei einer Schadstoffwirkung in kleiner Dosis über einen langen Zeitraum dar. Ein Beispiel dafür ist die chronische Pentachlorphe nolbelastung in Räumen, in denen Holz verarbeitet wurde, das mit Pentachlorphenol (PCP) behandelt wurde. Ein Effluvium gehört nach bisherigem Wissensstand nicht zu den typischen Symptomen einer chronischen Pentachlorphenolbelastung. Andererseits muß festgestellt werden, daß nur wenige Untersuchungen beziehungsweise epidemiologische Erhebungen zur Rolle von chronisch einwirkenden Schadstoffen und Haarausfall vorliegen.

Eine Ausnahme stellt der Chemieunfall in Frankfurt-Schwanheim im Februar 1993 dar, bei dem es aufgrund des Niederschlages einer chemischen Wolke zu einer erheblichen Kontamination des Bodens und damit zu einer längerfristigen Exposition der Bevölkerung in der Umgebung des Schadensortes gekommen ist. Im Niederschlag fanden sich eine Vielzahl von chlorierten und Azo-Verbindungen sowie als Leitsubstanz eine lOOfach erhöhte Konzentration von o-Nitroanisol, das im Körper zu Nitro-phenol metabolisiert wird. Dieser Metabolit konnte bei 22 stark belasteten Personen noch nach drei bis fünf Monaten in erhöhter Konzentration im Urin nachgewiesen werden. Unmittelbar nach dem Unfallereignis klagten viele Anwohner zwar über Hautausschläge an den Händen und Füßen, nicht aber über Haarausfall. Bei einer Untersuchung zirka eineinhalb bis zwei Jahre nach dem Ereignis von über 400 Kindern aus diesem Bereich zeigte sich ebenfalls kein vermehrtes Effluvium, während das Risiko für die Entwicklung einer atopischen Dermatitis gegenüber einer Kontrollgruppe aus Südhessen signifikant angestiegen ist.

Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß nur wenige Studien vorliegen, bei denen der mögliche Effekt von Umweltnoxen zum Beispiel nach konkreten Unfallereignissen in bezug auf das Haarwachstum untersucht wurden. Gerade angesichts dieser dürftigen Datenlage können spekulativ alle möglichen Behauptungen generiert werden. Um so wichtiger ist es, daß nicht Anekdotisches, sondern reproduzierbar Belegtes, pathogenetisch Plausibles den Boden formt, auf dem die Medizin sich im Sinne einer "evidence based medicine" bewegt.

Vorsicht ist auch bei der sogenannten &quotHaaranalyse" geboten, da hier viele Fehlermöglichkeiten bestehen.

4. Andere Ursachen

Betrachtet man die umweltbedingten Haarverluste, so resultieren daraus in erster Linie nicht vernarbende diffuse Alopezien. Daher müssen in die differentialdiagnostischen Überlegungen zum umweltbedingten Haarverlust alle Formen von nicht vernarbenden diffusen Effluvien einbezogen werden. Die Ursachen für ein diffuses Effluvium sind vielfältig. Mögliche Auslöser können Mangelernährung, hormonelle Störungen, Schilddrüsenstörungen, Störungen im Eisenstoffwechsel sowie schwere Erkrankungen wie zum Beispiel hochfieberhafte Infekte oder Tumorerkrankungen sein. Weiter können gängige Medikamente (--> Medikamente) eine diffuse Alopezie auslösen. Aufgrund der intraindividuell unterschiedlichen Haarfollikelempfindlichkeit auf die schädigenden Substanzen läßt sich bei den Medikamenten keine genaue Dosis festlegen, ab der ein diffuses Effluvium beginnt.

Zusätzlich können sich Haarerkrankungen wie die androgenetische Alopezie, die Alopecia areata, der anagene Haarausfall des Kindesalters in einer diffusen Alopezie äußern. Auch andere Faktoren wie atopische Ekzeme, Psoriasis können eine Rolle spielen.

Quelle: Dt. Ärzteblatt 1999; 96: A-1571-1575 [Heft 23]