Gentherapie über die Haut

"Kaum Hindernisse für fremde Erbsubstanz" - mit dieser Headline beginnt die FAZ einen aktuellen Beitrag über Chancen der Gentherapie über die Haut. Wir zitieren im folgenden einige wesentliche Passagen:

 

Die Haut ist das größte Organ des Menschen. Sie ist besonders leicht zugänglich und ist außerdem Teil des immunologischen Abwehrsystems. Viele Wissenschaftler arbeiten daher daran, bestimmte Krankheiten durch Gentherapien über die Haut zu heilen. Durch das Einschleusen bestimmter Gene in die Haut will man beispielsweise ein bestimmtes Genprodukt in unverdünnter Form lokal als Arzneimittel nutzen. Außerdem versucht man das Immunsystem zur Abwehr von Hauttumoren zu aktivieren oder Allergiker vor überschießenden Immunreaktionen zu schützen. Schließlich will man die Gentherapie zur Behandlung angeborener Hautleiden und zur Bekämpfung von Infektionen der Haut verwenden. Einen Durchbruch hat es, wie vor kurzem auf dem ersten internationalen Symposion über Gentechnik und Gentherapie der Haut in Essen deutlich wurde, noch nicht gegeben. Es hat sich jedoch bestätigt, daß in die Haut verpflanzte Gene viele Vorteile bieten.

Wichtige Voraussetzungen für die Gentherapien an der Haut scheinen erfüllt. Offenbar nehmen die unter der Hornhaut gelegenen, als Keratinozyten bezeichneten Hautzellen im Gegensatz zu vielen anderen Zellarten Desoxyribonukleinsäure (DNS) recht gut auf. Ulrich Hengge vom Universitätsklinikum Essen hat beobachtet, daß unverpackte Desoxyribonukleinsäure ohne Mithilfe eines Gentaxis oder besonderer Hilfsstoffe in diese Zellen gelangen kann. Der Dermatologe injizierte das Erbmaterial direkt in die Lederhaut an Schweinen. Zwar war das Test-Gen in der fremden Umgebung nur wenige Tage aktiv, der von der Erbinformation gebildete Stoff, ein Enzym, hielt sich jedoch bis zu drei Wochen lang in den Zellen. Mit dem Abschilfern der Haut verschwanden dann auch die Zellen mit dem besonderen Enzym.

Selbst wenn das verpflanzte Gen nur kurze Zeit aktiv ist, kann die therapeutische Wirkung in bestimmten Fällen ausreichend sein. Hengge demonstrierte dies an Beagle-Hunden mit zahlreichen Warzen am Oberkiefer. Er injizierte mehrmals hintereinander ein Gen, das die Bildung des immunologischen Botenstoffs Interferon-alfa veranlaßt, direkt in die Hautwucherungen. Nach drei Wochen waren sämtliche Warzen verschwunden. Auch menschliche Haut nimmt nackte Desoxyribonukleinsäure auf und bildet das gewünschte Protein, wie Versuche mit menschlicher Haut ergaben, die die Essener Forscher auf immunschwache Mäuse übertragen hatten. Doch bis es gelingt, durch das Verpflanzen von Genen auch bösartige Hauttumoren wie das Melanom zu heilen, scheint noch viel Forschungsarbeit notwendig zu sein. Derzeit versuchen zahlreiche Arbeitsgruppen, die Gene zu finden, die für die Stimulierung der immunologischen Abwehr von Hauttumoren besonders geeignet sind. Auch die Aktivierung solcher Erbinformationen muß noch optimiert werden.

...... Auch angeborene Hautkrankheiten versuchen die Forscher durch das Verpflanzen von Genen zu heilen. Im Vordergrund stehen Leiden, bei denen sich die Haut bei der geringsten Berührung in großen Blasen vom Körper löst. Für diese Erbkrankheiten, zu denen die Epidermolysis bullosa gehört, gibt es bislang keine Behandlungsmöglichkeiten. Bei Hunden kennt man ein der Erbkrankheit des Menschen ähnliches Leiden. Für die Störung sind Defekte in den architektonischen Elementen des Zellskeletts, speziell in Keratinozyten, verantwortlich. Guerrino Menaguzzi von der Faculte de Medecine in Nizza hat Keratinozyten der Tiere gezüchtet und mit einem intakten Gen versehen. Die Hautzellen zeigten daraufhin das übliche Haftverhalten.

In ähnlichen Versuchen haben Forscher um Tkuji Masunaga von der Keio-Universität in Tokio Keratinozyten aus der Haut eines Säuglings, der an einer besonders gefährlichen Form dieser Hautkrankheit litt, in Zellkultur mit einem gesunden Gen ausgerüstet. Die Hautzellen dieser Patienten haften nicht nur schwer an einer Unterlage, sie vermehren sich in der Zellkultur auch kaum und sind daher schwer zu züchten. Mit einer zusätzlichen Erbanlage hafteten die Zellen gut auf ihrer Unterlage und vermochten sich auch immer weiter zu teilen. Ob sich diese Zellen als Transplantate eignen, um die verletzliche Haut der kleinen Patienten zu stärken, wollen die Forscher nun in weiteren Experimenten klären.

BARBARA HOBOM. In: FAZ vom 9.8.2000